by Alex Tue Dec 09, 2008 5:10 pm
»Eine gute Metapher: Alles ist zerstörbar«Gespräch mit Darryl Hunt. Über linke Politik und Liebeslieder, Punk und Soul, die fast bourgeoisen Deutschen und die immer noch versklavten Engländer
Interview: Reinhard JellenDarryl Hunt, Jahrgang 1950, war Bassist und Songschreiber bei den Pogues, die gelegentlich noch Reunion-Konzerte geben. Eine Zeit lang verdingte er sich europaweit als House-DJ. Heutzutage hat er mit der Band Bish sein Solo-Material am Start. Die neue CD heißt »Surrounded By Mountains« (LFT) und bietet Singer-Songwriter-Rickenbacker-Folk-Pop mit New-Wave-Anleihen.
Kann man Politik in die Popmusik transportieren?Es ist wichtiger, eine Haltung zu vermitteln. Auch ein Liebeslied kann etwas ausdrücken, was politisch ist. Die Grundlage von Politik sollten die Rechte und das Wohlergehen der Menschen sein. Also das Gegenteil von Ausbeutung und Verstümmelung. Ansonsten hat die Politik ihre Rechtfertigung verloren. Politische Bewegungen sollten gegen Ausbeutung kämpfen. Ich glaube an den englischen Wohlfahrtsstaat, in dem ich aufgewachsen bin: Kostenloses Gesundheitswesen, Schule, Transport. Und dann kam Margaret Thatcher, die daraus eine amerikanisierte Wirtschaft machte.
War Punk für Sie wichtig?Überhaupt nicht. Für mich war Beat- und Soulmusik wichtig. Punk war für die Sechzehnjährigen, und ich war da schon älter. Ich habe damals Aretha Franklin gehört. Andererseits waren The Damned schon großartig, weil sie so pur waren. Die Sex Pistols und die Clash waren hingegen Poseure, nette Bürgersöhne, die auf Elternschreck machten. Die Pistols machten es wegen des Geldes, während sich die Damned um nichts scherten, sie machten einfach dreckige Liebeslieder. Auch nicht schlecht waren die Saints aus Australien. Das Bemerkenswerteste an Punk war, daß wir alle uns wieder die Haare schnitten. Im Art-College hatte man hingegen seit den Mittsiebzigern schon punkmäßige Kleidung getragen. Punk hat mich nicht verändert, wir waren eher Teil der Vorgeschichte.
Wie sind Sie zu den Pogues gestoßen?Ich lebte in London in der gleichen Gegend, in der Shane MacGowan und Jem Finer wohnten, in einem besetzten Haus in Kings Cross. Ich kam aus Nottingham. Wir kannten uns schon eine Weile aus der Hausbesetzerszene. Damals konnte man mit fast nichts in London leben. Man mußte nicht arbeiten. Das hat sich alles geändert.
Wir kannten uns alle seit 1982, als die Pogues anfingen, und als die Bassistin Cait O'Riordan Elvis Costello heiratete, bin eben ich eingesprungen. Dabei sind Leute wie Shane echte Punks, weil sie sich wirklich um gar nichts scheißen. Er hörte Rockabilly, als alle nur auf Punk standen. Er liebt auch Northern Soul und kennt all diese Tanzschritte. Über die Allniter in Nottingham, die wir alle besuchten, sind wir dann auch zu Acid und House gekommen. Das ist ja ziemlich ähnlich, man macht die Nacht von 10 bis 10 durch, tanzt wie ein Berserker, trinkt keinen Alkohol, nimmt ähnliche Drogen...
Deshalb sind Sie nach der Auflösung der Pogues House-DJ geworden?Shane ging auf Acid-House-Parties auf einem Dach eines besetzen Hauses. In den späten Achtzigern war Acid House wie Beat in den späten Sechzigern und Punk in den späten Siebzigern. Man machte illegale Raves, ging in kleine Clubs, die Plattenindustrie war noch nicht involviert. Kein Starkult: Die DJs waren nicht wichtig, Hauptsache die Musik auf der Tanzflache war gut. Die DJs nahmen sich Komponenten aus anderer Musik, isolierten sie und kombinierten sie neu, eine absolute Erholung verbarg sich in diesem interessanten Lärm. Das änderte sich dann, und wie immer stellte sich eine bourgeoise Betrachtungsweise ein: Wie kann man's verkaufen?
Und nach dem Ende der Pogues?Als sich die »Pogues« auflösten, nahm ich unter dem Namen »Bish« ein paar Songs auf, die ich bereits komponiert hatte. Ich bin nicht für die Idee zu haben, Songs zu schreiben, um sie zu verkaufen, um mehr Songs zu schreiben, um mehr zu verkaufen. Ich interessiere mich für die Lieder, nicht für das Veröffentlichen und die Massenproduktion. Vertrieb und Gewinn sind für mich nebensächlich. So viele Musiker-Legenden und ehemalige Stars, die bei Majors unterschrieben haben, fristen heutzutage ihr Dsaein am Bettelstab.
Die Haupteinnahmequelle in der Plattenindustrie für Künstler ist die Veröffentlichung und die Rechte daran. Wenn man dann für sich oder andere Bands erfolgreiche Lieder schreibt, ist alles in Ordnung. Es gibt aber Leute in berühmten Bands, denen gar nichts davon gehört und die dementsprechend auch nichts davon haben. Zum Beispiel waren die Rolling Stones in den frühen Siebzigern komplett bankrott, weil die Rechte für all ihre Welthits bei ihrem Label Decca lagen. Ihr damaliger Manager Allen Klein verkaufte die Rechte am Anfang ihrer Karriere an das Label, und jedes Bandmitglied bekam dafür 25000 Pfund, was natürlich damals wahnsinnig viel Geld war, aber als sie das Geld aufgebraucht hatten, waren sie bankrott. Deshalb gehen die Stones bis zum heutigen Tag auf Tour, um sich so ihr aufwendiges Rockstardasein finanzieren zu können.
Wie waren Ihre Erfahrungen mit der Plattenindustrie?Das war schon o.k., nicht zu schlimm. Wir hatten keinen besonderen Druck, und sie haben sich auch nicht in die Musik eingemischt. Auch das ganze Design wurde uns überlassen. Freilich mußten wir die Vertragsverpflichtungen einhalten und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Aufnahmen liefern.
Geht Kunst mit Emanzipation zusammen?Kunst befreit die Menschen von der Angst. Aus der Angst wird man erlöst, wenn man kreativ ist, und Kunst zu verstehen ist ebenfalls ein kreativer Prozeß. Mein Lieblingskunstwerk ist der Hammer im Eingang des Dada-Museums Zürich. Das ist eine gute Metapher: Alles ist zerstörbar. Man kann nicht kreieren, ohne auch zu zerstören. Nichts ist so wichtig, das es nicht wert wäre, wenn man wollte, kaputtgehauen zu werden, erst recht nicht die flotten Kulturwaren von heutzutage. Smash it up!
Braucht man einen politischen Liedinhalt oder genügt auch ein Liebeslied ?Ein HipHop-DJ muß doch auch nicht Trompete spielen. Es ist wichtig, sich persönlich auszudrücken. Bob Dylan z.B. änderte sich, indem er nicht mehr über Politik allgemein, sondern persönliche Lieder machte, das ist doch genauso wichtig. Heutzutage sehe ich politische Inhalte im Singer-Songwriter-Genre. Ich glaube auch, daß die Leute sich mit ihrer eigenen Kultur auseinandersetzen sollten, sonst kommen doch nur Klischées heraus. Sie sollen sich mit ihren eigenen Erfahrungen und Wurzeln auseinandersetzen, anstatt etwas blind zu übernehmen. Die Engländer können schon keinen HipHop machen, da braucht man sich über deutschen HipHop nicht zu wundern. Wenn man HipHop-Leute z.B. in Philadelphia trifft, sind das alles freundliche und sanftmütige Menschen. In Amerika geht´s doch im HipHop um Kommunikation, während man in England und Deutschland meint, es ginge um Cool- und Gangstersein. Wie beim Punk. Das war um Anfang eher eine Hippiegeschichte, die sich um unabhängige Plattenfirmen, Mode und Kamereradschaft untereinander drehte, und man war untereinander nicht die Bohne aggressiv. Wenn man ein Konzert der Sex Pistols besuchte, trugen die Leute T-Shirts und kurze Haare und keine Irokesenschnitte und Lederjacken.
Ich versuche beispielsweise, meine Erlebnisse in Liedern auszudrücken und schöne Musik zu machen. Hör ihnen zu! Und wenn es dabei eine Bedeutung gewinnt, ist alles erreicht, was ich wollte. Ich mache keine dekonstruktive Musik wie Frank Zappa oder Captain Beefhart.
Aber Captain Beefhart muß man sich unbedingt anhören! Es ist wie in der bildenden Kunst, wie bei Mondrian und den russischen Konstruktivisten: Da wird etwas genommen, zerbrochen und neu zusammengesetzt oder davon abstrahiert. Es verunsichert den Betrachter, wenn er feststellt, das ist kein Haus auf der Leinwand, sondern ein großer roter Fleck, von dem man nicht weiß, was es ist. Das erodiert festgefahrene Verhaltensmuster, und das ist auf eine gewisse Weise auch politisch, nicht wahr?
Man muß die Leute herausfordern, darüber nachzudenken, was sie als selbstverständlich aufnehmen und fühlen. Kunst soll die Menschen auch verunsichern und ihnen keine üblichen Verhaltensweisen aufdrücken. Bei der Musik ist es allerdings ein wenig anders, weil sie von vornherein mit stärkeren Emotionen verbunden ist und einen eher froh oder traurig stimmt... Ich wollte mit meinen Lieder ausprobieren, die Zuhörer mit traurigen Songs glücklich zu machen. Das haben die Pogues auch gemacht. Die Lieder sind positiv und negativ zur selben Zeit.
Außerdem ist man politisch durch das, was man tut, nicht durch das was man sagt. Wie man sagt: »It's the walk, not the talk«. Überdies gibt es Musik, die sich heutzutage nicht mehr politisch anhört, aber in seiner Wirkungszeit hochpolitisch war. Der Rock'n'Roll in den 50ern hat dazu beigteragen, die dortige Apartheid abzuschaffen. Ohne Buddy Holly keinen Barack Obama heute.
Ich habe den Eindruck, als wären die Engländer alle sehr klassenbewußt: Die Arbeiter, die Mittelklasse und die Oberschicht, wissen alle, wer sie sind, und deshalb ist auch immer klar, welche Stimme spricht.
In Deutschland ist alles ziemlich bourgeois und von der Mittelklasse geprägt. Jeder versucht, mehr aus seiner Situation zu machen, seine Kinder auf das richtige Gymnasium zu schicken und macht sich dabei die unglaublichsten Sorgen; in England ist das entspannter, weil das nur die Mittelklasse betrifft und man sich deren Schuh nicht anzieht. Dabei ist die Klassenspaltung in allen Ländern geblieben, was man aber in Deutschland nicht zugibt: Alle Wittelsbacher haben noch ihre Schlösser, in Frankreich hätten sie nicht einmal mehr ihre Köpfe. Auch in England ist das klarer, denn die Engländer sind ein kolonialisiertes Volk, das einzige in Europa. Es wurde 1066 von den Normannen besiegt und seitdem hat sich in der Klassenzusammensetzung nicht viel geändert. Die Engländer haben sich nie befreit. Keinem europäischen Land ist passiert, daß jemand die Leute versklavt und dafür nicht irgendwann verjagt wird. Das ganze Klassensystem in England basiert auf die Tatsache, daß es ein kolonialisiertes Land ist und immer noch von den Eroberern von vor tausend Jahren kontrolliert wird. Die sitzen jetzt immer im House of Lords, gehen auf Eliteschulen und besitzen das Land. So etwas gibt es ansonsten in Europa nicht. Auch alle englischen Kolonien sind mittlerweile frei, nur England selber nicht.
Im Vergleich zu den Engländern sind auch die Deutschen ziemlich bourgeois: Sie kaufen sich alle diese CDs, machen Urlaub in Italien, fahren Ski, jeder hat überall Zugang, das ist in England nicht so. Für Arbeiter in England ist die Lebensqualität hingegen ziemlich schlecht: Drogen, schlechtes Essen, billiges Bier, Fernsehen, Glücksspiel, die Leute haben kaum eine Chance, davon auszubrechen. Dafür gibt es dort andererseits unter den Leuten viel Gemeinsinn. Anderseits wird zumindest im katholisch geprägten Bayern jede Entschuldigung genutzt, um nicht arbeiten zu müssen und feiern zu gehen. In England sieht es da im Vergleich recht ärmlich aus. Als besiegtes Volk müssen sich die Engländer in Musik und Kunst ausdrücken, während z. B. die Münchner ständig einen draufmachen: Die Wiesn, das Frühlingsfest, der Fasching, Feiertage, Christkindlmarkt, Urlaub, Starkbierzeit, Biergärten etc., während die Engländer mürrisch sind und zuviel den beschissenen Sky-Channel sehen, für den sie auch noch vierzig Pfund im Monat zahlen.
Die Briten wollen arbeiten, im Gegensatz zu den Bayern, die sich das Leben gut als lange Feier vorstellen können. Die Bayern gehen zum Starnberger See, wenn es heiß ist, und gehen schwimmen, das ist in England nicht so verbreitet. Die Engländer arbeiteten seit Jahrhunderten in Fabriken, heutzutage machen sie ihren Job im Büro, schwitzen in ihren Anzügen, arbeiten wie seinerzeit die Bergarbeiter für so gut wie nichts und können vielleicht gar nicht mehr anders, weil sie auch in ihrer Mentalität ein kolonialisiertes Volk geblieben sind.
Außerdem ist die Lebensqualität eine andere: Wenn man in München arm ist, kann man im Vergleich zu London immer noch relativ billig U-Bahn fahren, das Gesundheitswesen in Anspruch nehmen, gutes Essen kaufen. In London bist du als armer Schlucker wirklich in Schwierigkeiten, alles ist so wahnsinnig teuer und privatisiert. Man lebt in heruntergekommenen Häusern, die Kinder gehen auf verrottete Schulen und findet sich darin zurecht. Die Engländer sind eben erzogene Sklaven.
http://www.jungewelt.de/2008/12-06/001.php
[b]»Eine gute Metapher: Alles ist zerstörbar«[/b]
Gespräch mit Darryl Hunt. Über linke Politik und Liebeslieder, Punk und Soul, die fast bourgeoisen Deutschen und die immer noch versklavten Engländer
[i]Interview: Reinhard Jellen[/i]
Darryl Hunt, Jahrgang 1950, war Bassist und Songschreiber bei den Pogues, die gelegentlich noch Reunion-Konzerte geben. Eine Zeit lang verdingte er sich europaweit als House-DJ. Heutzutage hat er mit der Band Bish sein Solo-Material am Start. Die neue CD heißt »Surrounded By Mountains« (LFT) und bietet Singer-Songwriter-Rickenbacker-Folk-Pop mit New-Wave-Anleihen.
[b]Kann man Politik in die Popmusik transportieren?[/b]
Es ist wichtiger, eine Haltung zu vermitteln. Auch ein Liebeslied kann etwas ausdrücken, was politisch ist. Die Grundlage von Politik sollten die Rechte und das Wohlergehen der Menschen sein. Also das Gegenteil von Ausbeutung und Verstümmelung. Ansonsten hat die Politik ihre Rechtfertigung verloren. Politische Bewegungen sollten gegen Ausbeutung kämpfen. Ich glaube an den englischen Wohlfahrtsstaat, in dem ich aufgewachsen bin: Kostenloses Gesundheitswesen, Schule, Transport. Und dann kam Margaret Thatcher, die daraus eine amerikanisierte Wirtschaft machte.
[b]War Punk für Sie wichtig?[/b]
Überhaupt nicht. Für mich war Beat- und Soulmusik wichtig. Punk war für die Sechzehnjährigen, und ich war da schon älter. Ich habe damals Aretha Franklin gehört. Andererseits waren The Damned schon großartig, weil sie so pur waren. Die Sex Pistols und die Clash waren hingegen Poseure, nette Bürgersöhne, die auf Elternschreck machten. Die Pistols machten es wegen des Geldes, während sich die Damned um nichts scherten, sie machten einfach dreckige Liebeslieder. Auch nicht schlecht waren die Saints aus Australien. Das Bemerkenswerteste an Punk war, daß wir alle uns wieder die Haare schnitten. Im Art-College hatte man hingegen seit den Mittsiebzigern schon punkmäßige Kleidung getragen. Punk hat mich nicht verändert, wir waren eher Teil der Vorgeschichte.
[b]Wie sind Sie zu den Pogues gestoßen?[/b]
Ich lebte in London in der gleichen Gegend, in der Shane MacGowan und Jem Finer wohnten, in einem besetzten Haus in Kings Cross. Ich kam aus Nottingham. Wir kannten uns schon eine Weile aus der Hausbesetzerszene. Damals konnte man mit fast nichts in London leben. Man mußte nicht arbeiten. Das hat sich alles geändert.
Wir kannten uns alle seit 1982, als die Pogues anfingen, und als die Bassistin Cait O'Riordan Elvis Costello heiratete, bin eben ich eingesprungen. Dabei sind Leute wie Shane echte Punks, weil sie sich wirklich um gar nichts scheißen. Er hörte Rockabilly, als alle nur auf Punk standen. Er liebt auch Northern Soul und kennt all diese Tanzschritte. Über die Allniter in Nottingham, die wir alle besuchten, sind wir dann auch zu Acid und House gekommen. Das ist ja ziemlich ähnlich, man macht die Nacht von 10 bis 10 durch, tanzt wie ein Berserker, trinkt keinen Alkohol, nimmt ähnliche Drogen...
[b]Deshalb sind Sie nach der Auflösung der Pogues House-DJ geworden?[/b]
Shane ging auf Acid-House-Parties auf einem Dach eines besetzen Hauses. In den späten Achtzigern war Acid House wie Beat in den späten Sechzigern und Punk in den späten Siebzigern. Man machte illegale Raves, ging in kleine Clubs, die Plattenindustrie war noch nicht involviert. Kein Starkult: Die DJs waren nicht wichtig, Hauptsache die Musik auf der Tanzflache war gut. Die DJs nahmen sich Komponenten aus anderer Musik, isolierten sie und kombinierten sie neu, eine absolute Erholung verbarg sich in diesem interessanten Lärm. Das änderte sich dann, und wie immer stellte sich eine bourgeoise Betrachtungsweise ein: Wie kann man's verkaufen?
[b]Und nach dem Ende der Pogues?[/b]
Als sich die »Pogues« auflösten, nahm ich unter dem Namen »Bish« ein paar Songs auf, die ich bereits komponiert hatte. Ich bin nicht für die Idee zu haben, Songs zu schreiben, um sie zu verkaufen, um mehr Songs zu schreiben, um mehr zu verkaufen. Ich interessiere mich für die Lieder, nicht für das Veröffentlichen und die Massenproduktion. Vertrieb und Gewinn sind für mich nebensächlich. So viele Musiker-Legenden und ehemalige Stars, die bei Majors unterschrieben haben, fristen heutzutage ihr Dsaein am Bettelstab.
Die Haupteinnahmequelle in der Plattenindustrie für Künstler ist die Veröffentlichung und die Rechte daran. Wenn man dann für sich oder andere Bands erfolgreiche Lieder schreibt, ist alles in Ordnung. Es gibt aber Leute in berühmten Bands, denen gar nichts davon gehört und die dementsprechend auch nichts davon haben. Zum Beispiel waren die Rolling Stones in den frühen Siebzigern komplett bankrott, weil die Rechte für all ihre Welthits bei ihrem Label Decca lagen. Ihr damaliger Manager Allen Klein verkaufte die Rechte am Anfang ihrer Karriere an das Label, und jedes Bandmitglied bekam dafür 25000 Pfund, was natürlich damals wahnsinnig viel Geld war, aber als sie das Geld aufgebraucht hatten, waren sie bankrott. Deshalb gehen die Stones bis zum heutigen Tag auf Tour, um sich so ihr aufwendiges Rockstardasein finanzieren zu können.
[b]Wie waren Ihre Erfahrungen mit der Plattenindustrie?[/b]
Das war schon o.k., nicht zu schlimm. Wir hatten keinen besonderen Druck, und sie haben sich auch nicht in die Musik eingemischt. Auch das ganze Design wurde uns überlassen. Freilich mußten wir die Vertragsverpflichtungen einhalten und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Aufnahmen liefern.
[b]Geht Kunst mit Emanzipation zusammen?[/b]
Kunst befreit die Menschen von der Angst. Aus der Angst wird man erlöst, wenn man kreativ ist, und Kunst zu verstehen ist ebenfalls ein kreativer Prozeß. Mein Lieblingskunstwerk ist der Hammer im Eingang des Dada-Museums Zürich. Das ist eine gute Metapher: Alles ist zerstörbar. Man kann nicht kreieren, ohne auch zu zerstören. Nichts ist so wichtig, das es nicht wert wäre, wenn man wollte, kaputtgehauen zu werden, erst recht nicht die flotten Kulturwaren von heutzutage. Smash it up!
[b]Braucht man einen politischen Liedinhalt oder genügt auch ein Liebeslied ?[/b]
Ein HipHop-DJ muß doch auch nicht Trompete spielen. Es ist wichtig, sich persönlich auszudrücken. Bob Dylan z.B. änderte sich, indem er nicht mehr über Politik allgemein, sondern persönliche Lieder machte, das ist doch genauso wichtig. Heutzutage sehe ich politische Inhalte im Singer-Songwriter-Genre. Ich glaube auch, daß die Leute sich mit ihrer eigenen Kultur auseinandersetzen sollten, sonst kommen doch nur Klischées heraus. Sie sollen sich mit ihren eigenen Erfahrungen und Wurzeln auseinandersetzen, anstatt etwas blind zu übernehmen. Die Engländer können schon keinen HipHop machen, da braucht man sich über deutschen HipHop nicht zu wundern. Wenn man HipHop-Leute z.B. in Philadelphia trifft, sind das alles freundliche und sanftmütige Menschen. In Amerika geht´s doch im HipHop um Kommunikation, während man in England und Deutschland meint, es ginge um Cool- und Gangstersein. Wie beim Punk. Das war um Anfang eher eine Hippiegeschichte, die sich um unabhängige Plattenfirmen, Mode und Kamereradschaft untereinander drehte, und man war untereinander nicht die Bohne aggressiv. Wenn man ein Konzert der Sex Pistols besuchte, trugen die Leute T-Shirts und kurze Haare und keine Irokesenschnitte und Lederjacken.
Ich versuche beispielsweise, meine Erlebnisse in Liedern auszudrücken und schöne Musik zu machen. Hör ihnen zu! Und wenn es dabei eine Bedeutung gewinnt, ist alles erreicht, was ich wollte. Ich mache keine dekonstruktive Musik wie Frank Zappa oder Captain Beefhart.
Aber Captain Beefhart muß man sich unbedingt anhören! Es ist wie in der bildenden Kunst, wie bei Mondrian und den russischen Konstruktivisten: Da wird etwas genommen, zerbrochen und neu zusammengesetzt oder davon abstrahiert. Es verunsichert den Betrachter, wenn er feststellt, das ist kein Haus auf der Leinwand, sondern ein großer roter Fleck, von dem man nicht weiß, was es ist. Das erodiert festgefahrene Verhaltensmuster, und das ist auf eine gewisse Weise auch politisch, nicht wahr?
Man muß die Leute herausfordern, darüber nachzudenken, was sie als selbstverständlich aufnehmen und fühlen. Kunst soll die Menschen auch verunsichern und ihnen keine üblichen Verhaltensweisen aufdrücken. Bei der Musik ist es allerdings ein wenig anders, weil sie von vornherein mit stärkeren Emotionen verbunden ist und einen eher froh oder traurig stimmt... Ich wollte mit meinen Lieder ausprobieren, die Zuhörer mit traurigen Songs glücklich zu machen. Das haben die Pogues auch gemacht. Die Lieder sind positiv und negativ zur selben Zeit.
Außerdem ist man politisch durch das, was man tut, nicht durch das was man sagt. Wie man sagt: »It's the walk, not the talk«. Überdies gibt es Musik, die sich heutzutage nicht mehr politisch anhört, aber in seiner Wirkungszeit hochpolitisch war. Der Rock'n'Roll in den 50ern hat dazu beigteragen, die dortige Apartheid abzuschaffen. Ohne Buddy Holly keinen Barack Obama heute.
Ich habe den Eindruck, als wären die Engländer alle sehr klassenbewußt: Die Arbeiter, die Mittelklasse und die Oberschicht, wissen alle, wer sie sind, und deshalb ist auch immer klar, welche Stimme spricht.
In Deutschland ist alles ziemlich bourgeois und von der Mittelklasse geprägt. Jeder versucht, mehr aus seiner Situation zu machen, seine Kinder auf das richtige Gymnasium zu schicken und macht sich dabei die unglaublichsten Sorgen; in England ist das entspannter, weil das nur die Mittelklasse betrifft und man sich deren Schuh nicht anzieht. Dabei ist die Klassenspaltung in allen Ländern geblieben, was man aber in Deutschland nicht zugibt: Alle Wittelsbacher haben noch ihre Schlösser, in Frankreich hätten sie nicht einmal mehr ihre Köpfe. Auch in England ist das klarer, denn die Engländer sind ein kolonialisiertes Volk, das einzige in Europa. Es wurde 1066 von den Normannen besiegt und seitdem hat sich in der Klassenzusammensetzung nicht viel geändert. Die Engländer haben sich nie befreit. Keinem europäischen Land ist passiert, daß jemand die Leute versklavt und dafür nicht irgendwann verjagt wird. Das ganze Klassensystem in England basiert auf die Tatsache, daß es ein kolonialisiertes Land ist und immer noch von den Eroberern von vor tausend Jahren kontrolliert wird. Die sitzen jetzt immer im House of Lords, gehen auf Eliteschulen und besitzen das Land. So etwas gibt es ansonsten in Europa nicht. Auch alle englischen Kolonien sind mittlerweile frei, nur England selber nicht.
Im Vergleich zu den Engländern sind auch die Deutschen ziemlich bourgeois: Sie kaufen sich alle diese CDs, machen Urlaub in Italien, fahren Ski, jeder hat überall Zugang, das ist in England nicht so. Für Arbeiter in England ist die Lebensqualität hingegen ziemlich schlecht: Drogen, schlechtes Essen, billiges Bier, Fernsehen, Glücksspiel, die Leute haben kaum eine Chance, davon auszubrechen. Dafür gibt es dort andererseits unter den Leuten viel Gemeinsinn. Anderseits wird zumindest im katholisch geprägten Bayern jede Entschuldigung genutzt, um nicht arbeiten zu müssen und feiern zu gehen. In England sieht es da im Vergleich recht ärmlich aus. Als besiegtes Volk müssen sich die Engländer in Musik und Kunst ausdrücken, während z. B. die Münchner ständig einen draufmachen: Die Wiesn, das Frühlingsfest, der Fasching, Feiertage, Christkindlmarkt, Urlaub, Starkbierzeit, Biergärten etc., während die Engländer mürrisch sind und zuviel den beschissenen Sky-Channel sehen, für den sie auch noch vierzig Pfund im Monat zahlen.
Die Briten wollen arbeiten, im Gegensatz zu den Bayern, die sich das Leben gut als lange Feier vorstellen können. Die Bayern gehen zum Starnberger See, wenn es heiß ist, und gehen schwimmen, das ist in England nicht so verbreitet. Die Engländer arbeiteten seit Jahrhunderten in Fabriken, heutzutage machen sie ihren Job im Büro, schwitzen in ihren Anzügen, arbeiten wie seinerzeit die Bergarbeiter für so gut wie nichts und können vielleicht gar nicht mehr anders, weil sie auch in ihrer Mentalität ein kolonialisiertes Volk geblieben sind.
Außerdem ist die Lebensqualität eine andere: Wenn man in München arm ist, kann man im Vergleich zu London immer noch relativ billig U-Bahn fahren, das Gesundheitswesen in Anspruch nehmen, gutes Essen kaufen. In London bist du als armer Schlucker wirklich in Schwierigkeiten, alles ist so wahnsinnig teuer und privatisiert. Man lebt in heruntergekommenen Häusern, die Kinder gehen auf verrottete Schulen und findet sich darin zurecht. Die Engländer sind eben erzogene Sklaven.
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